das ritual

ritual

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Herr Dienstweg kam völlig ermattet von der Arbeit nach Hause. Die Aschefabrik war der Ort seiner täglichen Niederlagen. Vorbei am wuchernden Efeu kämpfte er sich zur Wohnungstür, zur letzten Stätte der Sicherheit, dem Haus am Rande der Stadt. Die Glocke, die kläglich zu bimmeln begann, als er die Tür öffnete schubste ihn in eine bewusstlose Lethargie. Die Pflicht des Tages war ausgestanden, doch nun begann der zweite Teil seines Lebens, der auf seine Art schmerzhaftere Teil. Das antriebslose Warten.

Pünktlich wie ein Uhrwerk verließ er jeden Tag das Haus und fand wieder zu ihm zurück. Das war sein Leben, sein Ritual. Es gab keine Verzögerung, keinen freien Tag, es gab keine Familie, keinen Besuch, keine Freunde. Die wenigen Nachbarn die er hatte, ignorierten ihn, machten sich nicht einmal die Mühe den Blick abzuwenden, sie sahen einfach durch ihn durch – als wäre er gar kein Mensch. Er lebte völlig isoliert im Haus am Rande der Stadt.

Herr Dienstweg schloss die Tür hinter sich und noch bevor die Glocke sich endlich beruhigt hatte lag er schon auf seinem verschlissenen Sofa. Ein paar alte Uhren tickten. Er presste die Augen zu und versuchte die kalten Wellen, die durch seinen Kopf schlugen zu unterdrücken und stattdessen absolute Leere herzustellen. Darin war er gut. So lag er eine Zeit lang da – regungslos. Sein Atem wurde schwächer, die Kälte wich aus seinen Kleidern. Nach und nach kehrten wieder Bilder in seinen Kopf zurück, doch verändert. Statt dem rauschigen Schwarzweiß  tanzten nun schwache Pastelltöne. Unbeweglich lag er da. Er hatte den Tag überlebt.

Nach einem bescheidenen Abendessen und einem langen Blick auf eine schmutzige Wand setzte er sich an seinen Schreibtisch, zog ein weißes Blatt Papier hervor, füllte seinen Füllfederhalter auf, schubste eine vertrocknete Fliege von der Tischplatte und stellte die Utensilien, die er zum schreiben benötigte exakt an ihren Platz. Dann richtete er seinen Blick wieder auf die Wand.

28. November

Die Arbeit war schrecklich wie immer. Herr Druck und seine Mannschaft haben mich wieder gedemütigt. Ich werde morgen vor meinem Vorgesetzten sprechen müssen. Ich schaffe das nicht, es muss sich etwas ändern. Das alles könnte noch hundert Jahre so weiter gehen und ich würde einfach daran kaputt gehen und sterben. Diese Welt ist unfassbar störrisch – unveränderbar. Wenn man versucht etwas zu bewirken verkrampft sie sich und ist noch unverrückbarer als vorher. Warum kann ich nichts bewegen? Ich schaffe nicht einmal die nichtigsten Dinge. Meine Arbeit saugt mich aus und wenn ich in mein Sofa falle bin ich kraftlos und tot. Wie lange schiebe ich es eigentlich schon vor mir her den Efeu zu beschneiden? Man kommt kaum noch ins Haus und was denken wohl die Leute über einen solch überwuchernden Garten. Also, hiermit beschließe ich morgen den Efeu zu beschneiden, das mache ich gleich anschließend an die Arbeit, damit ich keine Zeit vergeude.

>          Entzückt von der Tatsache das er einen Entschluss gefasst hatte wurde sein Körper von einem Rinnsal der Kraft durchflossen.

Und wenn ich gleich dabei bin könnte ich mich auch noch um das Dachfenster kümmern. Wenn ich es sofort gerichtet hätte, hätte ich mir fünfzigmal das Ausleeren vom Wasserkübel sparen können. Die Arbeit ein neues Milchglas einzusetzen ist dagegen harmlos. Nur im Keller das Glas zurechtschneiden, der Zettel mit den Maßen müsste noch unten liegen und dann noch einsetzten. Warum habe ich das so lange aufgeschoben?

>          Ein zweites Rinnsal gesellte sich zum ersten und fragte: “Was machst du denn hier?“ Das andere antwortete: „Keine Ahnung, bin auch neu hier!“

Was mich wirklich ärgert sind die frechen Kinder, die mir ständig Müll in den Garten werfen. In deren Alter hätte ich es niemals gewagt mich über Erwachsene auf solch eine Weise lustig zu machen. Ich hätte viel zu viel Angst davor gehabt, dass sie einmal rauskommen und mich verprügeln. Aber mit mir kann man es ja machen, ich werde sie nicht verprügeln und das scheinen sie zu spüren. Aber erschrecken kann ich sie doch wenigstens. Wenn die Lauser morgen wiederkommen springe ich hinter einem Busch hervor und schreie ihnen hinterher, dass ich die Polizei gerufen habe, dann dürfte ich die los sein.

>          Ein Rinnsal der Macht gesellte sich zu den beiden. Die drei verstanden sich auf abhieb und scherzten ausgelassen ob sie zusammen das Staatsoberhaupt stürzen, oder lieber gleich die Weltherrschaft an sich reißen sollten.

Herr Dienstweg senkte den Kopf. Er dachte an das unangenehme Gespräch, dass ihm morgen in der Aschefabrik bevorstand und ihm fuhr ein Stich in den Magen. Er kannte diese Gespräche und wusste, was sie mit ihm anstellten. Aber anstatt zu resignieren und einfach abzuwarten stellte sich etwas in ihm quer, etwas das ihm Kraft verlieh. Ein Feuer der Auflehnung entfachte in ihm. Diesmal würde er keine fremde Schuld auf sich nehmen und reinen Tisch machen. Er würde alle Vorwürfe zurückweisen und an seine langjährige, gute Arbeit erinnern.

>          Die drei Rinnsale bekamen Unterstützung von einem Bächlein der Hoffnung, dass mehr Wasser führte als alle drei zusammengenommen. Das Bächlein sprach: „Freunde, ich glaube, es wird Regen geben.“

Warum soll ich Herrn Druck und anderen eigentlich decken? Die sind sich so sicher, dass ich mich nicht wehere, dass sie mich sogar morgens noch lachend begrüßen können. Diese Schweine! Morgen werde ich auspacken. Ich werde meinen Vorgesetzten klipp und klar darlegen, dass nicht ich derjenige bin, für den er mich hält, aber ich werde es nicht an die große Glocke hängen. Vielleicht bekomme ich sogar meine Überstunden bezahlt. Die Jungs werden sich wundern. Ich werde auspacken.

>          Und es gab Regen. Noch kam er zögerlich, wie absinkender Nebel in der Mittagshitze.

Herr Dienstweg stand auf und blieb vor dem Tisch stehen, an dem er geschrieben hatte. Eine Antike Tischlampe aus Kupfer warf einen scharfen Kreis aus Licht auf seine Schrift. Er liebte dieses Bild – ein Stillleben. Es war für ihn wie eine sanfte, schwebende Musik. Alles stand an seinem Platz, an dem Platz an dem es schon so viele Jahre gestanden hatte und er dachte wieder den alten Gedanken. Sein Schreiben. Er hatte immer geschrieben, doch niemals etwas vollendet. Er besaß nichts außer einem Stapel beschriebener Blätter ohne Zusammenhang. Er hatte sich immer so gewünscht schreiben zu können – nach Hause zu kommen, sich an seinen Roman zu setzen und erst nach sechs Stunden von der Müdigkeit geweckt zu werden. Er wünschte sich etwas zu hinterlassen, etwas das ihn ausmachte, so als ob sein Leben nicht ohne ihn stattgefunden hätte. Und er wusste, dass alles was er sich wünschte auch in ihm steckte, nur verborgen und unterdrückt. Verdrängt von einer Gesellschaft, die ihn in einer vorgestanzten Schablone gepresst hielt und keine Notwendigkeit für wohlbefinden sah. Gelähmt durch eine Hierarchie, an der er nichts ändern konnte. Doch hatte er immer noch ein Stückchen Freiheit. Was er tat, wenn er die schwelle seiner Haustür überschritt entzog sich dem Einfluss dieser kalten Welt. Dies war ein Moment, in dem sein Wille stark war. Herr Dienstweg glaubte jetzt an die Möglichkeit seine Zukunft zu leben. Es mußte möglich sein die lähmende Welt da draußen zu vergessen und sich hier drin eine eigene zu bauen. Es lag an ihm. Wenn sein Wille nur stark genug war. Und er beschloss seinem Schreiben höchste Priorität zu geben. Nichts sollte ihn mehr ablenken, keine Lethargie mehr hemmen. Ab morgen würde er alles das schreiben, was in ihm steckt, alles was nie heraus durfte.

>          Der sinkende Nebel hatte sich zu vollen Tropfen geformt, die, als sie auf den trockenen Boden fielen, platzen wie überreiche Früchte und sich in viele kleine Splitter teilten, die wie russische Tänzer in allen Farben auseinander stoben. Man konnte es riechen, der Monsun zog schon über die Berge.

Und da war wieder dieses Gesicht, der Blick der ihn schon so lange fesselte. Sie war ein Teil seines Lebens geworden, obwohl sie noch kaum ein Wort gewechselt hatten. In seiner Vorstellung, lebte er schon lange mit ihr, ohne, dass sie es je bemerkt hätte. Wie oft hatte er sich gewünscht ihr all das zu sagen, was in seiner Einsamkeit keiner hören konnte. Einmal in der Woche konnte er sie sehen und oft hatte ihn dieser Moment die Tage überstehen lassen. Es musste einen Weg geben ihr das zu sagen. Er hatte ihr so vieles so erzählen.

Ein Brief. Nur ein Brief war in der Lage dieses Schweigen zu brechen. Er würde ihr ein Kuvert zustecken, dass die Brücke über all das nicht Ausgesprochene schlagen würde. Sie würden sich treffen und es würde einen Anfang geben. Das alles könnte passieren und nur ein paar Zeilen waren dazu notwendig. Es erschien ihm so leicht. Wie konnte etwas so leichtes bisher so schwierig gewesen sein. Und schon durchströmte es ihn von Formulierungen, die alles in Bewegung setzen würden. Ja, er würde diesen Brief schreiben, einfach weil er nichts verlieren konnte.

>          Heftiger Regen peitschte nun die Steppe. Überall sammelte sich Wasser und bahnte sich kraftvoll seinen Weg zur Küste.

In seiner Erregung bäumte er sich auf, wagte einen Blick in den Spiegel und sah tief unter sich das Männlein, das täglich gesenkten Kopfes seinen Weg zur Fabrik nahm. Wie lächerlich erschien ihm sein tägliches Unterwerfungsspiel. Jetzt hatte er alles um auszubrechen. Die Gitterstäbe des Fabrikgeländes erschienen ihm wie dünne Ästchen, die allein sein Atem wegfegen konnte. Warum ließ er das mit sich machen? Wie konnte eine so kleine Welt ihm Anweisung geben? Er wusste, dass er alles tun könnte, doch was er bis heute getan hatte war nichts außer der Fabrik zu dienen. Das war absurd. Er konnte sich doch mit allem, was in ihm steckte, durch das Leben schlagen wie es ihm beliebte. Es gab tausend Wege sich frei zu machen, tausend Existenzen jenseits dieses Siechtums. Alles was ihm noch im Wege stand war die Entscheidung sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht die Triangel in einem gigantischen Orchester unter einem depressiven Dirigenten zu spielen. Es lag in seiner Hand. Sein Wille war ihm der Schlüssel Burgtor, dass ihm die Wächter nie öffnen wollten, doch jetzt lag er ihm der Schlüssel leicht in der Hand. Bei Tagesanbruch würde er sein Lager verlassen, vor die Wächter treten und ihnen mit Stolz ins Gesicht sagen das er die Entscheidung gefällt habe, die Burg für immer zu verlassen, von nun an keinem Herrn, keinem Fürsten und keinem König mehr zu dienen und sein Glück in der Welt da draußen aufzusuchen, um mit ihm alt zu werden.

>          Tausend Stürme tobten. Die einst noch dürre Welt wurde erschlagen von Regengüssen, die alles mit sich rissen, was sich ihnen in den Weg stellte. Reißende Flüsse gruben tiefe Narben in den Savannenboden und schwemmten den von der Sonnenhitze glühenden Sand hinunter zum Meer, um ihn für immer zu ertränken. Das von aufzuckenden Blitzen erleuchtete Inferno wurde begleitet von schwarzen Wolkenmassen, hoch wirbelnder Gischt, zerbrechenden Zypressen, und dem Stöhnen von nackten Sehnen in blutgetränkten Orkanwinden.

So ließ sich Herr Dienstweg in sein Bett fallen, betäubt von Euphorie, den kostbaren Moment des Glücks auskostend. Die Nacht war stürmisch, seine Träume bunt und wild. Grrrrrrrrrrrrrrrr! 5.30 Uhr. Der Wecker schubste ihn in das Ritual. Mechanisch stand er auf, zog sich ohne nachzudenken an, machte sich ein Wurstbrot und verließ das Haus…

>          …und eine pralle, goldgelbe Sonne brannte wieder auf den ausgedörrten Savannenboden.

[ geschrieben am 28.11.1995, überarbeitet und gelesen 13.05.2009 ]


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